Begleitetes Pilgern  

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St. Leonhard  

   

 Der heilige Leonhard, Anton Heitzmann                                                         

Was wir vom heiligen Leonhard wissen, beruht auf mündlichen Überlieferungen und wurde erst 1030 schriftlich festgehalten. Er dürfte im 5./6. Jahrhundert im Gebiet des heutigen Frankreich gelebt haben. Als Kind einer vornehmen Familie im Umkreis des Merowingerkönigs Chlodwig (482-511n.Chr.) und als Schüler des heiligen Remigius, Bischof von Reims (+533n.Chr.), schien ihm eine großartige Karriere bei Hofe sicher zu sein. Leonhard zog es jedoch vor, sein Leben Gott zu widmen, zunächst als Mönch (Abtei Micy bei Orleans), dann aber als Einsiedler (Noblac bei Limoges). Eines Tages befand sich Theuderich I. (511-533n.Chr.), der Sohn Chlodwigs, in Begleitung seiner schwangeren Frau auf Jagd in der Gegend der Eremitage Leonhards, als die noble Frau von heftigen Geburtswehen heimgesucht wurde. Dank der Hilfe des Heiligen gebar die Königin einen gesunden Jungen. Als Lohn erbat sich Leonhard soviel Wald um seine Zelle, wie er in einer Nacht mit seinem Esel umreiten könne. Inmitten des Grundstückes errichtete er eine Kapelle, und es bildete sich alsbald eine Mönchsgemeinschaft. Aufgrund der königlichen Schenkung erhielt das Landgebiet den Namen "Nobiliacum" und war mit besonderen Rechtsprivilegien ausgestattet (u.a. Asylrecht). Zahlreiche Verfolgte, Gefangene und Haftentlassene wandten sich daher an den heiligen Leonhard, der sich um sie bemühte und ihnen eine geordnete Rückkehr ins Alltagsleben ermöglichte.

Nach seinem Tod (559 n.Chr.?) wurde durch ein Schneewunder der Ort angegeben, an dem Leonhard begraben werden sollte. Man errichtete darüber eine Kirche (S. Leonard de Noblat), und im 11. Jahrhundert wurden seine Gebeine in einem Altar beigesetzt. Die Verehrung breitete sich von Frankreich auf große Gebiete Europas aus, besonders auf Bayern und das heutige Österreich. Patron der Bauern, Stallknechte, Ställe; des Viehs und der Pferde; für alle Bauernanliegen; der Schlosser, Schmiede, Fuhrleute, Lastenträger, Böttcher, Obsthändler und Bergleute; der Wöchnerinnen und für eine gute Geburt; der Gefangenen; gegen Kopfschmerzen und Geisteskrankheiten.

 

Wallfahrt und Bruderschaftswesen, Dr. Klaus Heitzmann

  • Die Statue „in dem Baum auf dem Bühel“ – Ursprungslegenden der Wallfahrtskirche

20 LeonhardTamsweg, im Jahr 1421: Eine Holzstatue des hl. Leonhard verschwindet vom Emporenaltar der Pfarrkirche und wird „in dem Baum auf dem Bühel“ wieder aufgefunden. Der seltsame Vorgang wiederholt sich, obwohl die Statue diesmal in der Sakristei und nach einem neuerlichen Verschwinden in einer Truhe mit drei Schlössern versperrt worden ist. Die sonderbare Begebenheit schlägt Wellen und schon bald werden zahlreiche wundersame Heilungen dem hl. Leonhard von Tamsweg zugeschrieben. Mit dem Baubeginn für eine Wallfahrtskirche ist entsprechend der Baumalteranalyse, die im Zuge der Renovierung durchgeführt wurde, schon in den frühen 1420er Jahren zu rechnen. Um die Mitte dieses Jahrzehnts muss der Chorraum der Kirche bereits gestanden haben, sodass die Messfeier gewährleistet war. 1424 stiftet ein Albrecht zu Bruckdorf bei Mariapfarr der „ehrwürdigen Kirche St. Lienhards auf dem Bühel bei Tamsweg“ einen Acker und die älteste tägliche Messstiftung stammt von Rudolf von Liechtenstein bei Judenburg aus dem Jahr 1425. Im Jahr 1430 gewährt Erzbischof Johann von Reisberg, der Stifter des Goldfensters, einen Ablass von 40 Tagen auf das Kirchweihfest der Leonhardskapelle, die als Filialkirche der Pfarre Tamsweg untergeordnet ist. Von den ersten wundersamen Begebenheiten bis zu einem geordneten liturgischen Leben in der neuen Wallfahrtskirche sind also nur wenige Jahre vergangen. Als Bischof Johannes Ebser von Chiemsee 1433 die Einweihung der Leonhardskirche vornimmt, kann man beileibe noch nicht von einem fertigen Kirchenbau sprechen. Baumeister Peter Harperger wird wohl noch viele Jahre mit den Arbeiten an der Baustelle beschäftigt gewesen sein.

Aber der rasche Arbeitsfortschritt in diesen ersten Jahren bildete auch den Stoff für Legenden. So sollen aus einer Felsöffnung unterhalb der Kirche täglich zwei schwarze Ochsen hervorgekommen seien, die die schwersten Spannfuhren leisteten. Die Ochsen hätten mehr Kraft als sechs Lungauer Ochsen gehabt. Den Feierabend vor heiligen Tagen hätten sie genau eingehalten und wären unbeweglich stehen geblieben, sobald vom Turm der Pfarrkirche die Stunde des Feierabends angekündigt wurde. Immer wiederkehrende Motive kennzeichnen die Ursprungslegenden von Wallfahrtsorten. Die „wundersame Rückkehr“ eines Gnadenbilds ist am häufigsten überliefert. Auch in Mariapfarr wurde der Kultgegenstand angeblich vom Dorfbrunnen nach Althofen übertragen, um immer wieder auf seinen angestammten Platz zurückzukehren, bis man an der Stelle die Kirche von Mariapfarr errichtete. Lokale Anknüpfungspunkte hatten für die Entstehung von Legenden große Bedeutung, wobei Bäume, Quellen und Spurensteine zu den häufigsten „Kraftorten“ zählten. Der Baum, Busch oder Strauch ist als religiöses Symbol bereits seit 4000 Jahren nachweisbar.

Noch heute treten die Kirchenbesucher in die Welt der mittelalterlichen Legenden ein, wenn sie die Wallfahrtskirche St. Leonhard besuchen: Die Gnadenstatue, ein Ast vom Baum, in dem die Statue aufgefunden wurde, und die Truhe, aus der sie verschwand, bilden die wesentlichen Elemente des rechten Seitenaltars.

  • Pilgern und Wallfahren – Reisen mit religiöser Erwartungshaltung

 Ziel einer Wallfahrt nach Tamsweg war die Fürsprache des heiligen Leonhard, der in schwarzer Mönchskutte mit Kette und Abtsstab dargestellt wird. Seine besondere Bedeutung erhält der hl. Leonhard als Patron der Bauern und des Viehs, aber auch der Gefangenen. Die Wandlung vom Gefangenen- zum Viehpatron fand im 16. Jahrhundert statt, wobei der hl. Leonhard ursprünglich nicht nur als „Kettenlöser“ der Gefangenen, sondern auch als Schutzpatron der Geisteskranken und Gebärenden galt. Der Volksglaube deutete die Gefangenenketten in Viehketten um. Im 18. Jahrhundert wurde er zum populärsten Heiligen in Süddeutschland und Österreich. Allein in der Erzdiözese Salzburg sind 18 Kirchen und Kapellen dem Hl. Leonhard geweiht.

Zudem finden wir in der Wallfahrtskirche auch Zeugnisse ausgeprägter Marienverehrung. Der gotische Hochaltar war ihr geweiht und fast alle der eindrucksvollen spätgotischen Glasfenster beziehen sich auf das Wirken der Gottesmutter.

Die Attraktivität der Wallfahrt war und ist großen Schwankungen ausgesetzt. Schien St. Leonhard 1913 überhaupt nicht in diversen Wallfahrtsführern auf, so zählte die Kirche 1933 zu den fünf meist besuchten Wallfahrtsorten Salzburgs. In Zeiten der Blüte genoss St. Leonhard internationale Bedeutung, dazwischen wurde sie vor allem aus dem Nahbereich frequentiert. Mit der aktuellen Generalsanierung der Kirche und dem von Pfarre, Gemeinde und Bruderschaft eingerichteten Pilgerweg von Salzburg nach Tamsweg ist die Basis für eine neue Blüte der Wallfahrt gelegt worden.

  • Organisatoren der Wallfahrt – Die Corporis Christi- und St. Leonhardsbruderschaft

Am besten lässt sich die Anziehungskraft der Kirche an der Entwicklung der Bruderschaft nachvollziehen, die im 15. Jahrhundert ihre erste Blütezeit hatte. Bruderschaften als aktive religiöse Laienorganisationen, wie sie sich im Spätmittelalter entwickelten, nahmen die sozialkaritativen Anliegen der Kirche wahr, wobei ihre bedeutenden Leistungen auch in der „Armenfürsorge“ und im Bau neuer Kirchen und Kapellen lagen. Zudem kompensierten Bruderschaften das fehlende seelsorgliche Wirken vieler ungebildeter Ortspriester in der Zeit vor dem Trienter Konzil. Bruderschaften weisen eine berufsständische Gliederung auf, so auch die (seit 1496 so genannte) „Gottsleichnams- und Sannd Lienhards-Bruderschaft zu Tambsweg“, die ursprünglich als Bruderschaft der "Kramer" (1434)  urkundlich erwähnt ist. Besondere Bedeutung erhielt die Bruderschaft durch die Mitgliedschaft Kaiser Friedrichs III. und einen Ablassbrief von Papst Pius II. im Jahr 1460. Das spätmittelalterliche Bruderschaftsbuch vermerkt über 4700 Personen aus allen gesellschaftlichen Schichten und dem gesamten zentraleuropäischen Raum. Da die Wallfahrt nach St. Leonhard bei Tamsweg überregionale Bedeutung hatte, ist anzunehmen, dass der Bruderschaft wichtige organisatorische Aufgaben im Wallfahrtswesen zukamen. In der folgenden Zeit der Reformation begann im geistigen Leben der Bruderschaften ein merklicher Stillstand einzutreten, der auch während der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts anhielt. Das Interesse an der Corporis Christi- und St. Leonhardsbruderschaft zu Tamsweg schwand sowohl im In- und Ausland merklich. In Tamsweg mag diese Zäsur im Wallfahrtswesen bereits infolge des Ungarnkrieges eingetreten sein, als sich von 1479 bis 1490 das ungarische Hauptquartier in der Wallfahrtskirche St. Leonhard, die ab ca. 1480 mit einer Wehrmauer umgeben war, befand. 1480 wurde der Markt Tamsweg eingeäschert, wodurch dem wallfahrenden Volk die Infrastruktur genommen wurde.

Die kirchlichen Reformen und die Gegenreformation des 16. Jahrhunderts brachten es mit sich, dass Erzbischof Wolf Dietrich im Jahre 1596 den Kapuzinerorden ins Land rief. Die Kapuziner ließen sich 1633 auch in Tamsweg nieder und reaktivierten 1635 die Bruderschaft, die sich fortan um die Ausrichtung der barocken Prozessionen in Tamsweg kümmerte. Erkennbar an ihren roten Kutten prägten sie bis in die Aufklärung des 18. Jahrhunderts das religiöse Leben in Tamsweg. 1782 ließ Erzbischof Hieronymus Colloredo den übertriebenen Pomp verbieten, darunter die Kutten, Stäbe und Hauben der Bruderschaft, ebenso die Bruderschafts- und Zunftfahnen. Damit verbunden war auch ein deutlicher Rückgang der Mitgliederzahlen. Als 1816 Salzburg der Habsburger Monarchie angegliedert wurde und die Volksfrömmigkeit eine Neubelebung erfuhr, erlebte auch die Bruderschaft mit dem Rekordzugang von 240 Beitrittswilligen eine neue Blüte. Jubiläumsjahre oder außergewöhnliche Ereignisse für die Wallfahrtskirche führten auch in den Folgejahren zu einem erhöhten Mitgliederzuwachs: die 400-Jahrfeier von St. Leonhard 1833, die Außenrenovierung der Kirche 1888, der magische Jahrhundertsprung 1900. 1918 kam es zum vorläufigen Ende der Bruderschaft, da ihre sozialkaritativen Aufgaben auf das katholische Vereinswesen übergegangen war.  Erst die 550-Jahrfeier der Wallfahrtskirche im Jahr 1983 löste neuerlich Vorbereitungen zu einer Wiederbelebung der Erzbruderschaft aus. Diese wurde schließlich 1989 auch umgesetzt. Heute zählt die Bruderschaft 256 Mitglieder.

  • Prozessionen – Wallfahren im Kleinen

Mit den barocken Prozessionen der Kapuziner erhielten die religiösen Ausdrucksformen der Volksfrömmigkeit neuen Auftrieb. Früher wie heute zog das wallfahrende Volk zur St. Leonhardskirche hinauf. Am Gründonnerstag bekleideten sich die Gläubigen mit Kutten und Kapuzen und schleppten schwere Holzkreuze den steilen Anstieg zur Kirche hinauf, wo sie beim Heiligen Grab beteten und danach das Kreuz wieder in den Markt trugen. Auch die Prozession am Bruderschaftsmontag führte nach St. Leonhard, wobei in den Reihen der Schützen der Samson mitgetragen wurde. Mit der Einführung aufklärerischer Reformen in der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das Prozessionswesen massiv eingeschränkt und der Samsonumzug von den kirchlichen Feiern losgelöst. Die Kapuziner verließen 1780 Tamsweg. Heute führt die Prozession am Sonntag nach Fronleichnam, dem Bruderschaftssonntag, unter großer Beteiligung der Bevölkerung wieder zur Wallfahrtskirche hinauf. Neben diesen Festtagen haben der 6. November als Patroziniumstag der Wallfahrtskirche sowie das Lanz- und Nagelfest im April für die Bruderschaft spirituelle Bedeutung.

(1) Valentin Preuenhueber, Annales Styrenses, Nürnberg 1740, S. 131

Literatur:

Monika Heitzmann-Weilharter und Klaus Heitzmann, Die Wallfahrt nach St. Leonhard bei Tamsweg, in: Reisen im Lungau, Hg. Alfred Stefan Weiß und Christine Maria Gigler (= Salzburg Archiv. Schriften des Vereines der Freunde der Salzburger Geschichte 25), Salzburg 1998, S. 119-150 (mit Literatur- und Quellenangaben)

Gerald Hirtner (Hg.), Die Kocherchronik. Die Kapuziner im Lungau (= Historia Lungauensis, Bd. 2), Mariapfarr 2008

Tamsweg. Geschichte eines Marktes und seiner Landgemeinden, Hg. Klaus Heitzmann, Anton und Josefine Heitzmann, Tamsweg 2008
   1479 starb in Linz der wohlhabende Bürger Thomas der Dienstl. Vor seinem Ableben ließ er seinen Erben noch testamentarisch anordnen, „seiner Seelen zu Trost und Hülff, inner Jahres-Frist auszurichten, eine Rom-Fahrt, eine Aach[en]-Fahrt, und dann nach unserer Frauen=Zell (= Mariazell), zu St. Wolffgang, und zu Leonhardts=Kirchen, aufm Tomsweg, an jedes Ort zwo Fahrt.“(1) Reisen mit einer religiösen Erwartungshaltung – so könnte man den Begriff „Wallfahrt“ erklären. Als Ziel suchten Wallfahrer die Nähe zu einem Heiligen als Fürsprecher oder zu einem Gnadenbild, durch welches der Heilige wirkte. Eine wesentliche Voraussetzung dafür bildete das Pilgerwesen, eine religiöse Reise von langer Dauer, in vielen Fällen sogar eine lebenslängliche Reise von einem heiligen Ort zum anderen. Das ganze Leben wurde als Pilgerschaft auf Erden gedeutet mit dem Eintritt in das ewige Leben als Reiseziel. Gesellschaftspolitische Umwälzungen und Katastrophen wie die Seuchen des 14. Jahrhunderts oder die Türkeneinfälle in Mitteleuropa förderten ein neues Todesbewusstsein und das Gefühl der Bedrängnis, der Ohnmacht. Deshalb suchte man göttlichen Beistand und der Fürbitte eines Heiligen. Bittwallfahrten, Sühnewallfahrten, die von der kirchlichen oder weltlichen Obrigkeit als Strafe auferlegt wurden, oder freiwillige Bußwallfahrten füllten die Wege zu den Gnadenorten mit Gläubigen. Das Beispiel des Linzer Bürgers Thomas von Dienstl zeigt, dass Wallfahrten auch testamentarisch in Auftrag gegeben und stellvertretend unternommen wurden, wohl um dem Erblasser den Aufenthalt im Fegefeuer zu verkürzen. Immerhin war der Besuch eines Wallfahrtsorts mit dem Erwerb eines Ablasses verbunden. Das heißt, dass die unbestimmte Zeit der qualvollen Sühne im Fegefeuer um einen bestimmten Zeitraum verkürzt oder überhaupt erlassen wurde.